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Archiv für die Kategorie ‘Veranstaltung’

Schwäbisch als Weltsprache

3. Juli 2009 Kommentare ausgeschaltet

Dr. Klaus Kinkel, Bundesaußenminister a. D., hat am 1. Juli 2009 einen Mundartvortrag bei der Kreissparkasse Reutlingen gehalten.

Sodele, jedseddle: Ein Schwabe auf dem Weg in die weite Welt

Aus dem Bericht im Reutlinger General-Anzeiger:

[…] Zum »Warmlachen« für sein Publikum machte Kinkel allerdings zunächst Ausflüge in bekannteres Terrain […] und erzählte Geschichten von Protestanten und Katholiken wie die jenes alten Protestanten, der auf seinem Sterbebett plötzlich zum Katholizismus übertreten wollte. Auf erstaunte Nachfrage sagte dieser: »Besser es stirbt einer von denen, als einer von uns«.

[…] Doch für den Schwaben Kinkel gibt es eine Kehrseite von derb und direkt, maulfaul und knapp: »Unser Dialekt ist facettenreich, sogar sprachgewaltig, auch feinfühlig und einmalig.« Was ein Bruddler ist, werde ein Reingeschmeckter nie verstehen und die phantasievolle Vielfalt an Schimpfwörtern und Flüchen, »die werden Sie nirgends sonst finden«.

[…] Grinsend erinnerte sich Klaus Kinkel an seine Zeit als Außenminister, wo er gelegentlich seine Dolmetscher in Verlegenheit brachte mit Bemerkungen wie: »Der soll net so ei Gschiss mache« oder »So ein Furzklemmer, der lieber einen verhebt, damit zwei draus werden«. Ziemlich bald hatten die Dolmetscher immerhin gewisse Routine im Übersetzen von »schwäbisches Käpsele« (good allrounder) oder »Cleverle« (smart operator).

Aus dem Bericht im Alb-Bote:

[…] „Sodele, jedseddle“ – schon allein diese zwei Worte sagen viel über den Schwaben und seine oftmals kurz angebundene, bruddlige aber letztlich doch herzliche Art aus. […]

[…]  Kinkels Leben, das vom Schwäbisch derart geprägt war, dass selbst der Vater gemeint habe, dass nix aus ihm wird. Denn: „Du magst Spätzle und sprichst zu breit Schwäbisch.“ Weshalb es für den jungen Klaus damals auch zur Sprachaufbesserung in die westfälische Heimat des Vaters gegangen sei, in der nach dem Kinkel“schen Aufenthalt aber nicht der Klaus hochdeutsch, sondern das ganze Dorf Schwäbisch g“schwätzt hat.

[…], machte Kinkel aber auch auf die Tiefgründigkeiten des Dialekts aufmerksam. Zu denen zählt unter anderem das Hinterteil mit allem drum und dran. Und obwohl Herzlichkeit und Zuverlässigkeit den Schwaben auszeichnen, ist es meist die Derbheit und ein Schlüsselwort, das manch Rei“gschmeckte verschreckt. Denn weshalb legt sich ein Schwabe bei einem Gewitter wohl umgehend flach auf den Bauch? – „Weil d“r Blitz no nie in a Arschloch eigschlaga hat“, wie Kinkel aufklärte.

Aufspiela beim Wirt

29. Juni 2009 Kommentare ausgeschaltet

Der Arbeitskreis Volksmusik des Landesmusikrates Baden-Württemberg startete bereits 2007 ein interessantes Musik-Projekt:

Das spontane Singen und Musizieren ohne Anlass ist immer seltener zu hören. Zudem haben die meisten Blasmusikkapellen und Chöre eigene Räumlichkeiten für Probenzwecke errichtet und sind nicht mehr auf das Wirtshaus angewiesen. Die Folge: Lautsprecher mit Musik aus der Konserve haben die musikalische Hoheit über das Gasthaus übernommen. Das soll nun anders werden!

Der zentralen Lage entsprechend waren und sind die Gasthäuser ein Treffpunkt aller Schichten, ein Kernpunkt der großen und kleineren Gemeinschaften; ein Ort, der traditionellerweise nicht nur Durst stillt und Gaumenfreuden beschert, sondern auch zur Geselligkeit animiert. Das Wirtshaus war auch stets Umschlagplatz für Lied- und Musikgut. Insofern ist es die „Hochschule der Volksmusik“.

Der Arbeitskreis Volksmusik des Landesmusikrates startete 2007 ein Projekt, das in anderen Regionen bereits erfolgreich läuft. „Aufspiela beim Wirt“ soll musikantenfreundliche Gasthäuser und gasthausfreundliche Volksmusikanten zusammenführen. Viele Musikanten suchen immer wieder nach Möglichkeiten ohne Bühne und Konzertcharakter aufspielen zu können. Der geeignetste Platz dafür ist das Wirtshaus – ehemals kommunikativer Dorfmittelpunkt. Deshalb wollen wir mit dieser Aktion Wirte und Musikanten zusammenführen.

Das zentrale Anliegen dieser Aktion ist das freie, aus der Emotion geborene Singen und Musizieren zur eigenen Unterhaltung und Entfaltung in der Gemeinschaft mit den Gästen.
[…]

Links:
Projekt „Aufspiela beim Wirt“
Landesmusikrat Baden-Württemberg e.V.
Artikel der Stuttgarter Zeitung

Die ganze Wahrheit über den Gaisburger Marsch

27. Juni 2009 Kommentare ausgeschaltet

Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 25.06.2009

Wie ist das Gericht zu seinem Namen gekommen?
Die ganze Wahrheit über den Gaisburger Marsch

Stuttgart – Kartoffelschnitz und Spätzle, Böckinger Feldg’schrei, Verheierte – der Gaisburger Marsch hat viele Namen. Wirklich durchgesetzt hat sich aber nur einer – eben der nach dem Stuttgarter Stadtteil im Stadtbezirk Ost. Tatsächlich ist der Eintopf das einzige Stuttgarter Gericht, das nicht nur in ganz Baden-Württemberg, sondern weit darüber hinaus bekannt ist.

[…], Gaisburger Marsch ist das Lieblingsgericht von Bundespräsident Horst Köhler und von Harald Wohlfahrt, dem anerkannt besten Koch Deutschlands. Der bayerische Sternekoch Alfons Schuhbeck hat ebenso ein Gaisburger-Marsch-Rezept kreiert wie Alfred Biolek, der bekannte Stuttgarter Sternekoch Vincent Klink kann gleich eine ganze Reihe von Marsch-Rezepten bieten, sogar eines mit gebratenen Hasenfilets.[…]

Es gibt mindestens sieben Legenden zur Entstehung des Gaisburger Marsches, die mehr oder weniger verbreitet sind, sei es in Büchern, im Internet oder einfach in den Erzählungen Gaisburger Ur-Einwohner. […]

Der Marsch der Soldaten ist eine der am weitesten verbreiteten Gaisburger-Marsch-Geschichten. Danach hatten Anfang des 20. Jahrhunderts junge Offiziersanwärter aus der nahen Bergkaserne gewisse Privilegien. Eines war, dass sie vor der ungeliebten, nur schwer genießbaren Mannschaftsverpflegung, flüchten durften. Deswegen, so die Legende, formierten sie sich jeden Mittag zum Marsch ins nahe Gaisburg, wo in der Bäckerschmide an der Schurwaldstraße ein kräftiger, wohlschmeckender Ochsenfleischeintopf mit Spätzle und Kartoffeln serviert wurde.

[…]Der Begriff Gaisburger Marsch erscheint in gedruckter Form erstmals in einem Kochbuch aus dem Jahr 1935, damals als Zusatz zu Kartoffelschnitz und Spätzle. In diesem Zusammenhang hat zum Beispiel auch die Stuttgarter Wirtin Erika Wilhelmer (Stäffele, Ampulle) vergeblich in ihrer Sammlung von mehr als 1000 zum Teil sehr alten Kochbüchern nach dem Gaisburger Marsch vor dieser Zeit gesucht.

[…]Gaisburger Marsch. Auf den Spuren des legendären Eintopfs. Ausstellung im Muse-O, Gablenberger Hauptstraße 130, 70186 Stuttgart, von 27. Juni bis Ende September 2009; geöffnet Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntag 13 bis 18 Uhr, sonst während der Öffnungszeiten des Museumscafés (Schlüssel an der Theke). Eintritt 2 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren frei.

Homepage Muse-O
Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 25.06.2009